Sonntag, 8. Oktober 2006

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation

Heute bin ich ziemlich spontan nach Magdeburg gefahren, um mir Mittelalter im Museum anzuschauen. Es gibt nämlich gerade diese Ausstellung, und zwar in zwei Teilen: das Reich zwischen 962 und 1494 - also sozusagen das Mittelalter - in Magdeburg, 1495 bis 1806 in Berlin.

Um es gleich zu sagen: Die Ausstellung lohnt die Anreise, mir hat sie gefallen. Da einige meiner MIttelalterfreunde (Früh-/Hoch-/Spät-) da auch noch hin wollen, fahr ich vielleicht auch noch mal hin.

Die Ausstellung ist sehr stark wörtlich auf den Titel fokussiert, d. h. es geht wirklich fast ausschließlich darum, was am deutschen Reich heilig, römisch oder deutsch war, wie sich verschiedene Herrscherhäuser auf bestimmte Traditionen bezogen haben. Diese Themen werden gut und vertieft dargestellt, vor allem anhand großer Mengen von illuminierten Handschriften und Urkunden - diese machen den allergrößten Teil der Exponate aus - und Texttafeln. Andere Themen, wie Alltagsleben, Sachkultur, Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, kommen fast überhaupt nicht vor (allerdings zum Teil in den Begleitbänden). Man kann natürlich die großartige Ornamentik einer frühmittelalterlichen Elfenbeinschnitzerei bewundern, aber in der Ausstellung steht sie hauptsächlich, weil die geschnitzte Szene etwas über das Verhältnis eines Kaisers zur Kirche aussagt...
Die Exponate, nicht nur die Handschriften, sind allesamt vom Feinsten und viele davon hätten schon ganz alleine den (ohnehin fairen) Eintrittspreis gelohnt. Allerdings hat mich ein wenig überrascht (aber durchaus nicht enttäuscht), dass bei der Thematik nicht noch viel mehr Kronen, Zepter, Schwerter etc. ausgestellt wurden. Davon gibt es schon welche, aber nicht viel. A propos Schwerter: Für die Jungs ist auch nicht viel dabei, nur in der Spämi-Abteilung gibt es eine komplette Plattenrüstung von Kaiser Maximilian - das habe ich ein bisschen bedauert, weil damit der gewöhnliche Besucher wieder mal meint, die Leute wären während des ganzen Mittelalters in solchen Rüstungen rumgelaufen....

So, jetzt kommen die beiden größten Minuspunkte der Ausstellung: Erstens: Sie ist voll. Wer sich das zeitlich leisten kann, sollte nicht gerade sonntags hingehen, und wer in Menschenmengen Panikattacken kriegt, sollte draußen bleiben (und vielleicht den Katalog kaufen). Und leider "knubbelt" es sich vor allem am Anfang der Ausstellung, also grade im 10. Jahrhundert, später verläuft es sich etwas.
Zweitens: Es ist ziemlich dunkel. Ich kann das ja angesichts der sehr wertvollen und empfindlichen Bücher und Textilien verstehen, aber wenigstens die erklärende Beschilderung hätte man etwas besser anleuchten können - Menschen, die nicht so schlecht sehen wie ich, dürften mit der Beschilderung aber vermutlich klarkomen. (Fotografieren ist übrigens sowieso streng verboten.)

Jetzt aber wieder zu den positiven Punkten: Trotz des Andrangs und der abgeschotteten Räume ist die Luft erstaunlich angenehm. Das ganze Gebäude ist stimmig für die Ausstellung. Die Exponate sind gut präsentiert, man kann um die meisten herumgehen und sie von allen Seiten betrachten. Nur der Codex Manesse, eines der Highlights, liegt ein bisschen zu hoch, so dass ich als kleiner Mensch auf die Zehenspitzen steigen musste, um was zu sehen - bei den meisten Sachen geht das aber bzw. ist eher Kniebeuge gefragt, wenn in der unteren Etage der Vitrine noch was Spannendes liegt...
(Weil das sicher einige Leser interessiert: Der Codex Manesse ist auf der Seite mit der Abbildung von Kaiser Heinrich aufgeschlagen, die auch auf dem Plakat ist; andere Abbildungen sind nicht zu sehen.)
Noch ein großes Lob an die Ausstellungsmacher: Die Ausstellung ist einfach chonologisch aufgebaut, es gibt also keinen modischen Schnickschnack wie "Themeninseln" (*grmbl*), man ließ die Exponate für sich selbst sprechen und drängt dem Betrachter nicht gewaltsam irgendwelche Bezüge auf. Ist ja heute nicht selbstverständlich.

Es gibt auch einen Audioguide und ein bisschen Multimedia, wie ein Manesse-Hörspiel und ein MDR-Filmchen. Die Audio-Sachen habe ich nicht gehört, das Filmchen ist ganz nett (angesichts des Zeugs, was aus dem Hause MDR auch schon kam, ist es sogar gut, abgesehen von ein paar hässlichen Theaterfundus-Klamotten... aber im größten Teil des Films geht es um die Ausstellung, richtige kostümierte Spielszenen sind zum Glück nciht dabei, nur so ein paar angebliche Kaiser mit Theaternebel...)

Meine persönlcihen Highlights sind übrigens eine Alba (lange weiße Übertunika) von Kaiser Friedrich Barbarossa mit Goldbrokatborten und der Krönungsmantel von Otto IV. aus Seidensamit mit Goldstickerei, jaja, ich weiß, ich bin ein Mädchen und Textilfreak... und beides aus dem Hochmittelalter *grübel* ...

Ja, und dann musste ich natürlich noch die offiziellen Kataloge kaufen und noch ein paar weitere Kleinigkeiten (Magdeburg ist Ottonenstadt, d. h. es gibt noch einiges an spannenden Büchern zum 10. Jahrhundert dort zu erwerben...). Leider entsprach das Gewicht meines Rucksacks hinterher ungefähr meinem eigenen *stöhn*, und das führte dazu, dass mein anschließender Besuch im Magdeburger Dom etwas "niedergedrückt" und daher kurz war - ich will aber nicht versäumen, bekanntzugeben, dass dort im Dom, nicht weit vom Museum, sozusagen als Ergänzung, gerade eine Ausstellung mit Taufbecken aus 1000 Jahren gezeigt wird, zum Teil sehr bizarre Gebilde und auch sehr schöne aus dem MIttelalter.

Neue Rubrik

Dieser Beitrag eröffnet übrigens eine neue Rubrik, die ich schon sehr lange plane, weil ich gerne etwas über die Präsentation von Geschichte und Mittelalter in Museen und Ausstellungen schreiben will, vor allem, weil ich mich über einige davon maßlos aufgeregt habe. Aber jetzt ist der erste Eintrag erst mal positiv geworden. Ist doch auch was.

Sonntag, 3. September 2006

Urlaub im Frühmittelalter

Genau, man kann im Frühmittelalter sogar Urlaub machen. Letztes Jahr waren Borre und Lunula ja in der Normandie, siehe z. B. hier. Dieses Jahr waren wir im Ribe Vikingecenter.

Ribe gilt als älteste Stadt Dänemarks: erste archäologische Siedlungsfunde seit 700, Erwähnung in Annalen als Stadt um 800. Funde kann man im Museum Ribes Vikinger bewundern. Dort findet sich auch das Modell des Marktplatzes, den es ab ca. 750 gegeben hat:

Marktplatz von Ribe im Modell

Das Vikingecenter ist ein archäologisches Freilichtmuseum, in dem unter anderem der Marktplatz nachgebaut worden ist (allerdings nicht an historischer Stelle und viel kleiner als das Original). Und in diesem Freilichtmuseum sind Reenactors und -actresses willkommen, die es über die Sommermonate "bevölkern".

Hier ein Bild vom Marktplatz, gesehen von oben (das wäre auch auf dem Modell oben):

Marktplatz im Vikingecenter

Quer durch den Marktplatz verlaufen Wege aus Holzbohlen :

Borre auf dem Holzweg

Und dort verbrachten wir also dieses Jahr unseren Sommerurlaub. 12 Tage wohnten wir im Vikingecenter, zeigten und erklärten dem Publikum das Wikingerleben ;-) und lernten sehr nette neue Leute kennen - und davor und danach mussten wir natürlich noch einige Tage durch Norddeutschland und Dänemark fahren und - ratetmal: Museen gucken. Für solche wie uns ein Traumurlaub *irre kicher* ....

Es hat großen Spaß gemacht! Hier noch zwei kleine Impressionen: einmal unsere Markt-Parzelle bei Sonnenschein (ja doch, den gab es auch im August, aber halt nicht tagelang am Stück!):

Lager bei Sonnenschein

Geregnet hat es auch. Aber unser Zelt war dicht, das Vorzelt hielt auch gut stand und war so gut abgespannt, dass das Wasser gut ablaufen konnte, wie man hier sieht:

Lager bei Regen

- und weder hat der Regen Herrn Borre von der Arbeit abgehalten (Tunika! Kappnähte! Von Hand!), noch Konstantin von seiner guten Laune.

Mittwoch, 19. Juli 2006

Atlan und das Reenacten

Ein sehr schöner Beitrag über die seltsamen Reenactors und -actresses findet sich hier. Perry-Rhodan-Vorkenntnisse sind von Nutzen (hallo Borre!) aber zum Verständnis nicht unbedingt erforderlich...

Mittwoch, 21. Juni 2006

Lager-Nachlese I: Sprang in Eindhoven

Stöhn. Ich weiß ja, ich blogge viel zu wenig. Aber einer der Gründe ist derzeit wirklich, dass einfach die Mittelalter-Saison in vollem Gange ist und ich deshelb kaum mal Zeit habe, all die schönen Erlebnisse zu verarbeiten. Naja. Könnt mir schlimmere Probleme vorstellen.
Aber nur mal so als Überblick:
  • Himmelfahrt und das zugehörige Wochenende waren wir in Groß-Pinnow,
  • Pfingsten (als Tagesbesucher) in Eindhoven,
  • das Wochenende nach Pfingsten in Neustadt-Glewe,
  • den Sonntag danach (also letzten Sonntag) als Tagesbesucher in Berlin-Blankenburg.
Und die Bilanz bis jetzt ist sehr positiv: Spaß gehabt, tolle neue Leute kennengelernt, viel Interessantes gesehen.

Um meine geneigten LeserInnen an Letzterem teilhaben zu lassen, kommen hier mal ein paar Bilder vom Wikingerfest im Historischen Freilichtmuseum Eindhoven. Da war eine Frau, die Sprang vorführte. Selten genug, aber bis jetzt habe ich das nur in Form einfarbiger zarter Netze, fast wie Spitzen, gesehen. Das hier war anders, sehr groß, sehr dick, sehr bunt:

Sprangrahmen mit dicker bunter Wolle

Hinten sieht man einen großen Sprang-Rahmen, im Vordergrund ein nach meiner Schätzung etwa 5 Meter langes dünnes Bündel, das einmal ein festes Sprang-Band werden soll. Hier die Künstlerin bei der Arbeit:

Blue macht ein Sprangband

Dabei musste sie immer vom einen Ende des Bandes zum anderen laufen - und natürlich, wie immer bei Sprang, ja nicht zur falschen Zeit loslassen....
Sie arbeitet übrigens bei einem anderen niederländischen Museum, das eine Moorleiche (deutlich älter als Wikingerzeit, so 300 n. Chr.) zeigt, bei der ein solches dichtgewebtes Sprang-Band gefunden wurde. Vielleicht fällt mir auch wieder ein, wie das Museum heißt.

Und wer noch nicht weiß, was Sprang ist, hier und hier gibt es Informationen (englisch).

Nachtrag

Hier noch die versprochene Information: Die Moorleiche, die mit einem Sprang-Gürtel erwürgt wurde, heißt "Das Mädchen von Yde" und wird normalerweise ausgestellt im Drents Museum Assen (Achtung, die Seite ist nicht barrierefrei und plugin-verseucht). Zur Zeit ist sie aber verreist: es läuft eine Wanderausstellung mit Namen "The Mysterious Bog People", so weit ich etwas gefunden habe, wohl in den USA und Kanada, und das Mädchen von Yde kommt erst 2007 wieder nach Hause.

In letzter Zeit habe ich auch einiges über Moorleichen gelesen, vielleicht dazu später mal mehr (Im Winter? *irrekicher*).

Montag, 22. Mai 2006

Wolliges Wochenende in Wittmund

Wittmund Bahnhofsschild
Wittmund liegt in Ostfriesland. Dort wohnt eine Frau, die ich nicht nur sehr gern mag, sondern die auch Schafe hält. Und am vergangenen Wochenende war dort für diverse Leute ein Wollwochenende angesagt. Das ließ sich die ReEnActress nicht zweimal sagen - dafür ließ sie sogar Borre im Stich, der die Bänke alleine fertig machen musste. Schuldigung...

Wie viele Schafe es waren, weiß ich nicht - die haben beim Zählen einfach nicht stillgehalten. Aber eine ganze Menge. Und zwar Milchschafe und Jacobsschafe. Hier ein paar davon:
Milchschaf und Jacobsschafe
(Das weiße ist ein Milchschaf, die anderen Jacobs).

Hier sieht man noch mal den Jacobs-Bock - ja, er hat wirklich vier Hörner!
Jacobs-Schafbock

Und hier ein Milchschaf, das eine Affäre mit einem Jacobs-Bock hatte (irgendwie war da ein kaputter Zaun im Spiel, hieß es):
Weisses Schaf mit schwarzgefleckten Laemmern

Eins von den Milchschafen wurde am Wochenende auch geschoren. Hier sieht man, wie die Gastgeberin schafschert (wir Gäste hielten das Schaf fest, das sich artgemäß wirklich lammfromm verhielt:
Schaf scheren

Die Wolle auf dem Schaf sah ja noch ziemlich gelblich aus. Aber nachdem sie dann frisch gewaschen aus der Badewanne kam, war sie wunderschön weiß. Wir haben sie dann noch auseinandergezupft, damit sie besser trocknet. Das gab dann wunderhübsche weiße Wölkchen:
Wolle nach dem Waschen

Links in dem Wäschekorb die gewaschene Wolle, rechts im Korb und in den Stiegen die gezupfte Wolle. Eine ziemliche Fleißarbeit übrigens. Was auf dem Foto zu sehen ist, ist nur die Hälfte - der Rest köchelte zu dieser Zeit schon mit einer Ladung Zwiebelschalen im Topf. Daraus wurde dann - Ihr ahnt es: wunderschöne gelbe Wolle.

Ich habe schon ein bisschen probegesponnen. Die Milchschafwolle ist ein bisschen kräuselig und ließ sich nicht ganz so gut verspinnen wie das Welsh Mountain, das ich auf der anderen Spindel hatte, aber dafür, dass die Wolle nicht kardiert war, ging es ziemlich gut.

Ist es nicht ein lustiges Gefühl, ein Garn auf der Spindel zu haben, das zwei Tage vorher noch über die Wiese lief? *grins*

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Ive learn some excellent stuff here. Certainly worth...
Smithk712 (Gast) - 2014/07/03 12:56
Tolle Infos
Danke für die tollen Infos. Da weiß ich ja, auf was...
Isabel (Gast) - 2013/05/15 11:15
ooops
das erklärt einiges... mich nerven die verwahrlosten...
irka (Gast) - 2012/04/11 21:48
Mensch muss immer nachschauen
Es gibt wohl wirklich keine Benachrichtigungen von...
comusywa - 2012/03/21 15:11
Reise nach Rom - Essentials
So, hier noch einige wichtige zusammenfassende Bemerkungen...
lunula - 2012/03/18 15:59

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