Dienstag, 8. November 2005

Zurück aus Eu (Teil II): Frauenolympiade - Dabei sein ist alles!

Teil I ist hier zu finden.

Es ist gar nicht so einfach, von einem Mittelalterlager zu berichten, auch nicht von einem sehr ereignisreichen. Der "Alltag" ist eigentlich der Hauptgrund, auf so ein Lager zu fahren, nimmt auch die meiste Zeit in Anspruch, ist aber sehr schwer zu beschreiben, zumindest so, dass die Leser auch was davon haben. Mit Alltag meine ich das Lagerleben, also kochen, essen, mit anderen Darstellern rumalbern, handwerkeln, mit Besuchern reden, Handwerk und Tagwerk vorführen und erklären... Richtg gut zu berichten ist dann doch eher von speziellen Ereignissen.

So berichte ich hier über ein ganz spezielles Event in Eu, von dem sich gut bloggen lässt: Der Frauenolympiade!

Sie bestand in einem Fünfkampf, in dem Mittelalterfrauen die für diesen "Beruf" notwendigen Fertigkeiten unter Beweis stellen sollten. Ganz ernstgemeint war die Sache nicht, und einige haben das sehr kreativ ausgelebt, dazu später. Zunächst das Feld der Teilnehmerinnen:

Die Teilnehmerinnen an der Frauenolympiade

Man beachte die tiefverschleierte, hochschwangere Templerin in der Mitte!

Zum ersten Wettbewerb: Ein Apfel musste geschält werden. Dabei kam es darauf an, ein möglichst langes zusammenhängendes Stück Schale zu produzieren.

Die Äpfel werden geschält

(also ich ess die immer mit Schale...) Aber schnell zur nächsten Herausforderung: Bratpfannenweitwurf! Hier präsentiert die Spielleiterin das Sportgerät, rechts davon steht die Jury, links die charmante französische Übersetzerin:

Die schwere Eisenpfanne wird gezeigt

Hier die fantastischen siamesischen Zwillinge aus Schweden beim Werfen:

Eine Pfannenwerferin

Es gab da noch eine andere Teilnehmerin, die zwar sehr kurz warf, es aber schaffte, dass sich der Pfannenstiel bei der Landung senkrecht in den Boden bohrte :-))

Dritte Disziplin: Wassertragen. Zwei Kugeltöpfe randvoll mit Wasser mussten über eine Strecke bis zum Wehrturm und wieder zurück getragen und dann in einen Eimer entleert werden. Dabei kam es nicht auf Tempo an, sondern darauf, möglichst wenig zu verschütten. Übrigens ganz schön knifflig, das mit dem Umschütten von zwei Töpfen, die man nicht abstellen kann!

Eine Sportlerin beim Wassertragen

Im Hintergrund ist eine Cheerleaderin zu erkennen...
Das Wassertragen hatte etwas Längen, weil aus Gründen der Vergleichbarkeit alle nacheinander mit dem selben Gerät antreten mussten. Aber nach einer gewissen Wartezeit ging es dann zur vierten Disziplin: Es ging darum, einen (angenommenen Ehe-) Mann wüst zu beschimpfen und mit einer eisernen Schöpfkelle zu bewerfen. Der Mann war zum eigenen Schutz schwer gerüstet. Punkte gab es für Treffer mit der Kelle und fürs Beeindrucken des Ritters. Hier eine Kelle im Flug:

Ein Ritter wird mit einer Kelle beworfen

Letzte Disziplin: Kampftrinken! Auf Kommando musste möglichst schnell ein Becher Mede geleert werden. Für die Bemitleidenswerten, die Mede (lecker!) noch nicht kennen: Ein Vorprodukt von Met, so ähnlich wie Federweißer bei Wein, nur halt mit Honig - hat wenig Alkohol und moussiert etwas - was natürlich das schnelle Runterkippen erschwert. Ausgesehen hat das dann so:

Die Kämpferinnen beim Kampftrinken

Danach erfolgte dann die Auswertung der mit Punkten markierten Kerbhölzer. Gewonnen hat übrigens eine Wikingerin (ich nicht).
Hier noch eine kurze Aufzählung der absolut sehenswerten heiteren und bedauerlichen Showeinlagen (einige davon könnt Ihr hier bewundern):
Die Woll-Cheerleaing-Girls. Die siamesischen Zwillinge. Die überraschende Niederkunft der großen Templerin mitten in der Olympiade (und die überraschende Klärung der Vaterschaft). Die Anrufung der Jury wg. Zweifel am Geschlecht der beiden verschleierten Teilnehmerinnen und der folgende Geschlechts-Test. Der brave Knappe, der dem arg bedrängten Ritter zu Hilfe eilte, was fast zu Blutvergießen geführt hätte...

Alles in allem ein Riesenspäß. Bin nächstes Mal hoffentlich wieder dabei (auch wenn ich eine miserable Werferin bin.. ich muss bis dahin noch üben...)

Umfrage für Reenactors, Reenactresses und ihre FreundInnen

Die Uni Saarbrücken hat das ehrgeizige Projekt einer wissenschaftlichen Untersuchung über erlebbare Geschichte gestartet. An der Online-Umfrage dürfen (sollen) alle Leute teilnehmen, die der Szene im weitesten Sinne angehören, von LARP bis Museumsleute, sowie auch reine "Konsumenten" dieser Veranstaltungen.

Ich habe teilgenommen und fände es gut, wenn viele teilnehmen würden, die Interesse an historisch anspruchsvoller Darstellung äußern - dann hätten wir mal eine einigermaßen empirische Grundlage dafür, dass nicht alle Leute nur mit Ypsilonen angeredet werden wollen.... ;-)

Hier ist der Link zur Online-Umfrage (Java einschalten)

Mittwoch, 5. Oktober 2005

Tannenberg 2005 - Matsch fun!

Also, erst mal für Nicht-Eingewei(c)hte:
Die Burg Tannenberg gehört zur Gemeinde Nentershausen und liegt in der Gegend von Bad Hersfeld (Hessen). Hat mit der Schlacht von Tannenberg nix zu tun, die war woanders.
Traditionell (dieses Jahr zum zehnten Mal) findet am Wochenende um dem 3. Oktober dort ein Mittelalterlager statt, das nur an einem Tag für Publikum geöffnet ist, an den anderen Tagen ist "Familientreffen"...
Oben auf dem Berg ist eine Burg(ruine), die u. a. von den Einnahmen solcher Veranstaltungen liebevoll renoviert wird. Der Berg selber ist steil und bewaldet. Unterhalb gibt es eine Senke mit einer großen Wiese. Dort stehen dann die ganzen Lagerzelte. Es gibt allerdings auch die Möglichkeit, in der Burg und in nahegelegenen Ferienbungalows (unsportlich!) zu übernachten.

Tannenberg ist toll. Wie anders wäre zu erklären, dass dort immer so viele Leute hingehen, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass es regnet und kalt ist, um die Jahreszeit und in der Gegend nahe bei 100% liegt und der Boden aus rotbraunem Lehm besteht, der sich bei solchem Wetter rasch in eine Schlammwüste verwandelt und Kleidung und Zelte mit nicht auswaschbaren rotbraunen Rändern (bekannt als Tannenberger Schlammborte) ziert.

Und, wie war es diesmal?

Großartig war es. Es entsprach in allem der Tradition: Nette Leute, freundliche Orga, weicher Bodenbelag...

Aber der Reihe nach. Wir reisten Donnerstag nachmittag an, es war wechselnd wolkig mit sonnigen Abschnitten, fing aber sofort zu regnen an, als wir abgeladen hatten und Borre den Knörr wegfuhr (da der Platz begrenzt ist, müssen Fahrzeuge immer sofort nach dem Abladen wieder weg). Leider hatte man bis kurz vor unserer Ankunft die Wiese offenbar noch genutzt. Bevor es ans Aufbauen ging, musste nämlich noch eine erkleck(er)liche Anzahl von Kuhfladen weggeschippt werden (Loch buddeln, Kuhfladen rein, zuschippen, festtreten). Es waren seeehr viele Kuhfladen. Dank an die Kölner, die uns noch einen zusätzlichen Spaten liehen!
Der Freitag war dann sehr nett und gemütlich, tolles Wetter, es schien sogar zeitweise die Sonne. Nach und nach füllte sich der Platz, und auch die Letzten unseres Lagers trudelten ein und bauten auf.
Von Freitag Nacht bis Samstag Nacht regnete es dann allerdings ohn' Unterlass. Die traditionelle Schlammwüste fand also wieder statt, und auch das bald verteilte Stroh konnte nur bedingt helfen.
Das war aber nicht soo schlimm, immerhin hatten wir jede Menge Regendach, unter dem es sich gemütlich sitzen ließ.

Wikinger sitzen unter dem Vordach

Für Samstag um 14 Uhr hatte ich ein Treffen zum Nadelbinden angekündigt (an der Vogtei aka Grillhütte), und tatsächlich kamen trotz des Sauwetters zwei motivierte Menschen, die es lernen wollten. Nochmal dickes Lob an Melanie und Nesti!

Sonntag (der Publikumstag) und Montag war das Wetter dann wieder regenfrei. Allerdings hatte der Boden bereits so gelitten, dass leider nicht allzu viel Publikum kam. Schade.
Nun ja, alles in allem war es ein sehr gelungenes Tannenberg, vor allem dank der reizenden Gesellschaft, in der wir uns befanden. Und es wird noch nicht einmal das letzte Event dieses Jahr gewesen sein (dazu vielleicht bald mehr).

Montag, 5. September 2005

Eis am Stiel

Von einem originalgroßen, seetüchtigen Wikingerschiff aus 15 Millionen Eisstielen berichtet Herr Nesges hier. So weit auf dem Foto zu erkennen, ist die schöne geschwungene Wikingerschiffform ganz gut gelungen. Wer wohl das ganze Eis gegessen hat?
Der Eisstiel scheint im Reenactorleben ja eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Bisher kannte ich ihn allerdings mehr als Rohstoff für Nadelbindenadeln.

Donnerstag, 1. September 2005

Nichtganzschwarzbrand

Als ich vergangenen Sonntag am späten Vormittag trübe in meinen Rechner starrte (irgendwie müssen beim Zurückbeamen ins 21. Jahrhundert ein paar Energiepartikel verschütt gegangen sein) und meine Mails der letzten drei Wochen las, weckte mich eine Terminmitteilung aus der Nadelbinde-Mailingliste jäh aus meiner Lethargie:
ARCHÄOLOGISCHES FEST DÜPPEL-BISKUPIN
WEGE IN DIE ZUKUNFT
DÜPPEL, BERLIN-ZEHLENDORF
20.-28. AUGUST 2005
IM RAHMEN DES DEUTSCH-POLNISCHES JAHRES 2005/2006

(danke, spinntantchen!)
Da musste ich natürlich hin, und so machte ich mich auf den beschwerlichen Weg nach Düppel, um mir die Polen und ihre Archäologie anzugucken.

Naja, es war der letzte Tag, und in der Nacht vorher war Lange Nacht der Museen gewesen. Ich fand also ziemlich viele, aber sehr müde polnische Reenactors sowie leider kein bisschen Infomaterial mehr über Polen und polnische Archäologie vor. Schade. Aber immerhin hatten sie einige wirklich gute Handwerker-Vorführungen (z. B. einen Seiler) und sehr schöne Schwerzbrand-Keramik, da hab ich dann gleich zugeschlagen.

biskeram1

Hübsch, nicht? War auch sehr günstig.

Der Belastungstest unseres Geschirrs in Eu hat nämlich gezeigt:
  • Geschirr (vor allem Schüsseln und Teller) kann man nie genug haben, irgendwo muss ja der Quark rein ;-)
  • Holz ist leicht und unzerbrechlich, hat aber den enormen Nachteil, dass es bei Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen schnell Risse bekommt (also eigentlich immer). Ölen hilft nur begrenzt.
  • Außerdem nimmt Keramik Gerüche (Fisch, Knofi...) nicht so schnell an.
Schwarzbrand, also schwarze Keramik, die es auch in der Wikingerzeit und vor allem bei den Slawen im Frühmittelalter gab, entsteht durch Luftabschluss beim Brennen, entweder in einem Ofen, der nach dem Befüllen abgedichtet wird (wie in Düppel), oder in einer abgedeckten Grube im Boden (so wurden diese Töpfe gebrannt). Wenn der Luftabschluss nicht perfekt ist, wird die Ware leicht fleckig, wie auch hier - mir gefällts aber so.

Eins muss ich aber hier noch zugeben: Die gekauften Stücke sind Nachbildungen der sog. Lausitzer Keramik, die in der Lausitzer Kultur gebräuchlich war, also in einem Gebiet zwischen Elbe und Weichsel in der späten Bronze-/frühen Eisenzeit, etwa zwischen 1.500 und 500 v. Chr. *hüstel*. Die Formen und Muster der beiden Töpfe sind allerdings so "klassisch", dass sie auch für Wikingerundslawenfrühmittelalter ganz gut passen. Und den Topf mit dem Widderkopf lass ich dann eben zu Hause...

Für alle LeserInnen, die in Ostdeutschland wohnen, hier noch ein Reisetipp: Vom 17. bis 25. September findet im Museumsdorf Biskupin/Polen ein Museumsfest statt (ich selbst hab leider keine Zeit). Das Dorf muss ganz klasse sein und soll von Frankfurt/Oder in zumutbarer Autoentfernung liegen (irgendwo bei Gnesen, ich kenn mcih da leider nicht aus).Wie gesagt, das Dorf ist eine Rekonstruktion aus dem ersten Jahrtausend vor Christus, das hindert die Leute aber nicht daran, das Fest unter das Motto "Wikinger" zu stellen.
Wir sind überall!

Montag, 29. August 2005

Zurück aus Eu (Teil I)

Tja, was soll ich sagen? Spitze wars. Schade, dass das Mobloggen nicht geklappt hat. War wohl der französische Provider nicht in der Lage.
Borre hat hier ja schon einiges erzählt - und wird sicher noch mehr erzählen. Und einige andere Leute haben auch schon Bilder ins Netz gestellt.

Deshalb sehe ich hier meine Blogistinnenpflicht darin, einen Teil vorzuziehen, den ich eigentlich erst bringen wollte, nachdem ich ganz viel von den vielen schönen Dingen erzählt hätte, die wir den ganzen Tag (von 11:30 bis 20 bzw. an Wochenenden 22 Uhr!) getan und den Besuchern vorgeführt haben, mit viel Liebe zum (authentischen) Detail...

Aber nun hat Polle eine tolle Bildergalerie ins Netz gestellt, und ich muss unbedingt drauf verlinken, weil sie so klasse ist und weil Polle zum Glück zwei gesellschaftliche Ereignisse "covert", die ich nicht bzw. schlecht dokumentiert habe.

Die Galerie beginnt mit der Parade der Darsteller durch die Stadt Eu, in deren Verlauf an verschiedenen Stellen für Zeremonien angehalten wurde, insbesondere um die Verleihung des Herzogtums der Normandie an den Wikinger Rollo im Jahre 911 nachzuspielen (die Details zu Rollo überlass ich aber gern Borre, wennn er mag.) Danach kommen einige stimmungsvolle Bilder vom Lager.
Und dann... tja, es ist mir etwas peinlich, und die Leserinnen, denen immer die unauthentischen Details im Hintergrund auffallen, werden mal wieder ... aber es muss sein *zusammenreiß*.

Also. Etwa in der Mitte der Veranstaltung gab man (nach Feierabend sozusagen) einen großen Grillabend für alle Darsteller, Mitwirkende und HelferInnen - und um die netten Leute von Eu zu überraschen, war auf Reenactorseite das Motto "Herr der Ringe" ausgegeben worden.

Tja. Da hatten wir nun den Salat. Viele seehr ernsthafte Reenactors können ja noch den Staub von ihrer LARP-Kiste klopfen und die Elfenohren oder Ork-Keulen rausholen, aber was macht eine arme kleine ReEnActress, die ganz ohne Umwege zum authentischen Mittelalter gekommen ist? Schon lustig, da kämpft man jahrelang gegen das Vorurteil, Mittelalter und Fantasy seien irgendwie das gleiche und nun das... *gespielteverzweiflung*

Okay, ich hab mich dann als Hobbitin (Hobbiteuse?) verkleidet (unzureichend, da authentische Hobbitfüße nicht mehr aufzutreiben waren), aber das tut hier nichts zur Sache. Schaut Euch lieber mal an, was die anderen sich für tolle Sachen haben einfallen lassen, z. B. die Zwergin mit dem coolen BH oder die Ents (und es gibt DOCH Entfrauen!) oder die gruseligen Ringgeister. Es gab auch ganz Originelle, die gingen als Finger mit Ring, und besonders gefallen haben mir die beiden Königsstatuen vom Großen Fluss.
Der Abend kannte noch andere Freuden, die im Leben von Reenactors und im Zeitalter des Dosenpfands eher selten sind: genüssliches Getränkedosenzermatschen! Besonders effektvoll mit Holzschuh... (hallo Maddy!)

Also, denkt bitte nicht, dass wir die ganze Zeit so ausgesehen haben, aber lehnt Euch zurück und genießt die Show.

Noch ein Schmankerl zum Schluss für Freunde mittelalterlicher Kunst: Auf der genannten Galerieseite ist auch die Kathedrale von Amiens zu bewundern. Die Statuen und Mauern werden derzeit nachts angestrahlt, und zwar in genau den bunten Farben, die man in Resten der Bemalung daran gefunden hat. Ich war nicht dabei, aber sieht schon beeindruckend aus.

(Und keine Sorge, von mir kommen auch noch Bilder...)

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Ive learn some excellent stuff here. Certainly worth...
Smithk712 (Gast) - 2014/07/03 12:56
Tolle Infos
Danke für die tollen Infos. Da weiß ich ja, auf was...
Isabel (Gast) - 2013/05/15 11:15
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das erklärt einiges... mich nerven die verwahrlosten...
irka (Gast) - 2012/04/11 21:48
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comusywa - 2012/03/21 15:11
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lunula - 2012/03/18 15:59

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