Mittwoch, 24. August 2011

Freilichtmuseen: Krieg den Hütten! Baut mehr Paläste!

Der Besuch mehrerer Museen in unserem Island-Urlaub hat mir einige neue Denkanstöße gegeben, für ein Problem, über das ich schon länger nachdeenke.

Wir waren in Island an drei Orten, wobei es sich um zwei rekonstruierte mittelalterliche Bauten und ein erhaltenes neuzeitliches Gehöft handelte:
  • Eiríksstaðir, die Rekonstruktion eines Hofes aus dem 10. Jahrhundert, der vermutlich Erik dem Roten gehörte,
  • Þjóðveldisbær, die Rekonstruktion des 1104 bei einem Vulkanausbruch verschütteten Gehöfts Stöng,
  • Laufas, ein Torfgehöft aus dem 19. Jahrhundert. (Davon gibt es in Island noch viel mehr, die schauen wir dann beim nächsten Mal an...)
Allen dreien ist die isländische Bauweise gemeinsam: Da Island selbst über wenig Baumbewuchs verfügt, bestehen die Wände außen aus dicken "Mauern" aus Torfsoden, das Dach auch aus Grassoden, innen Holzgebälk, die großen Pfeiler aus Treibholzstämmen.

Kapelle-Thjodvaeldisbaer

Eine weitere Gemeinsamkeit war, und hier wird es interessant, dass alle drei Häuser im Innern so ausgestattet waren, dass man sofort hätte einziehen mögen. Hübsch, sauber, warm, komfortabel.

Thjodvaeldisbaer-innen

Und das brachte mich zum Staunen. Habe ich doch selbst einige Male in Museumshäusern "wohnen" können und noch mehr davon besuchen dürfen. Bei vielen davon pfeift der Wind durch löchrige Lehrmflechtwände, die Innenwände sind kaum verputzt oder verkleidet, das Holzgebälk ist so roh, dass man sich überall Splitter eiinziehen kann, der Boden ist staubig, im Dachstuhl nisten Vögel und k***en überall hin... Man bemüht sich, so einen Ort zu beleben und ist mit den entsetzten Gesichtern vieler Besucher vertraut, die von ihrem Museumsbesuch die Gewissheit mitnehmen, dass die Leute früher in Dreck und Elend gehaust haben.

Woher dieser Unterschied? Sind die Bauten in Island weniger historisch korrekt als bei uns? Ich glaube nicht. Modenre Kompromisse müssen sicher überall gemacht werden, z. B. der Einbau von Feuerlöschern. Aber vielleicht ist die isländische Innenausstattung sogar historisch nachvollziehbarer als die mitteleuropäische Rohbauweise. Oder möchten Sie in Ihr neues Haus einziehen, wenn noch nicht mal ein gescheiter Bodenbelag drin ist und die Kabel offen aus der Wand hängen?
Sicher lebten viele Menschen früher auch in elenden Katen. Die Museumshäuser, die ich meine, zeigen aber von ihrer Anlage und Größe her, dass hier Leute mit einigem Wohlstand lebten. Und die sollen nicht mal geglättete Holzbalken in ihren Häusern gehabt haben?

Des Rätsels Lösung findet sich in der (auch historisch und archäologisch sehr informativen) Broschüre, die man in Þjóðveldisbær kaufen kann. Die Reko wurde schon 1974 begonnen, 1977 eingeweiht, und im Heft heißt es dazu:
Bei der Rekonstruktion [...] standen die folgenden Leitgedanken besonders im Vordergrund:
1. Den Hof so genau wie möglich auf den Überresten des Hofes in Stöng aufzubauen und damit zu versuchen, ein glaubwürdiges Bild [...] zu vermitteln,
[...]
3. Drittens sollte diese Rekonstruktion zeigen, dass die Wohnstätten der Isländer im Mittelalter keine armseligen Torfhütten waren, sondern sorgfältig ausgeführte, stattliche Gebäude.

Da stellt sich nun doch die Frage: Die Isländer erklären hier, was sie zeigen wollen und welche Vorstellung sie beim Bau im Hinterkopf hatten. Was wollen die Deutschen zeigen? Vielleicht unbewusst?
Liegt es daran, dass es in Deutschland schon seit der Romantik, aber auch in neueren Zeiten z. B. durch entsprechende Fernsehdokus viele Klischees des einfachen, romantischen, urwüchsigen Lebens in möglichst natrunahen Behausungen gibt? Angesichts der bitteren Not, die die Isländer in den vergangenen Jahrhunderten erdulden mussten, betrachtet man zugige, schmutzige Hütten dort wahrscheinlich mit weniger romantischen Gefühlen.

Ich glaube auch, dass das Kostenargument hier nicht greifen kann. Wenn Museen nicht genug Geld haben, ein Haus vollständig zu Ende zu bauen, dann sollen sie Bauphasen zeigen und nicht den Eindruck fertiger Häuser. Oder weniger Einzelhäuser bauen und vielleicht nicht die Rekonstruktion einer 20m langen Fürstenhalle, in der dann der Wind pfeift. Lieber was Kleineres mit einer liebevollen Innenausstattung.

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John
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Smithk712 (Gast) - 2014/07/03 12:56
Tolle Infos
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Isabel (Gast) - 2013/05/15 11:15
ooops
das erklärt einiges... mich nerven die verwahrlosten...
irka (Gast) - 2012/04/11 21:48
Mensch muss immer nachschauen
Es gibt wohl wirklich keine Benachrichtigungen von...
comusywa - 2012/03/21 15:11
Reise nach Rom - Essentials
So, hier noch einige wichtige zusammenfassende Bemerkungen...
lunula - 2012/03/18 15:59

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